05. Dezember 2025 Dorfleben, Gemeinschaft und eine Debatte, die Wilhelmshaven jetzt braucht

Meine Woche endete vorhin mitten im Herzen von Fedderwarden – direkt am Doerploden, mit meiner Haltestellen Zukunft, die für mich inzwischen viel mehr ist als ein Format. Ein echtes Fenster in den Alltag unserer Stadtteile und Dörfer.

Der Standort war perfekt gewählt: Viele haben ihren Stutenkerl abgeholt und ein paar Minuten Zeit für ein Gespräch mitgebracht. Und plötzlich spürt man, was Dorfleben wirklich heißt: ein ruhigeres Tempo, eine vertraute Atmosphäre, kurze Wege, und ein soziales Gefüge, das von Nähe lebt. Kita, Grundschule, Busanbindung – ja, Infrastruktur ist wichtig. Aber es sind Begegnungsorte wie der Laden, die ein Dorf zusammenhalten.

Vier Grundschüler saßen in der Sitzecke, diskutierten über Weltgeschichte (wahrscheinlicher aber über Fußball), teilten Süßigkeiten und bekamen ein Getränk: So sieht Zukunft aus, wenn sie gelingt. Ein Ort, an dem Kinder sicher sind, an dem Menschen sich kennen, an dem Alltag nicht anonym ist.

Und natürlich wurde auch über „die großen Themen“ gesprochen: Feuerwehr, Weihnachtsbaum, Dorfbeleuchtung – und ja, auch über die Stadt und Verwaltung. Der Wunsch war klar: Mehr Digitalisierung. Weniger Bürokratie. Besserer Bürgerservice.

Diese Woche war ich auch bei einem weihnachtlichen Kaffee mit der Frauen- und Seniorenunion – im Tingel Tangel. Hier wurde wieder deutlich, was viele Menschen im Alter als relevant beschreiben: Austausch, Zugehörigkeit, ein Ort, an dem man nicht „zu Besuch“ ist, sondern dazugehört. Es ist ein bisschen wie bei den Landfrauen: Politik ist der Anlass, aber nicht der Kern. Der Kern ist der Dialog. Interessen teilen. Verstehen, was vor Ort passiert. Sich nicht abgehängt fühlen. Solche Runden zeigen, wie wichtig soziale Räume sind, gerade wenn der Alltag etwas stiller wird und das Risiko für Einsamkeit steigt. Gemeinschaft wirkt. Punkt.

Abschließend möchte ich zu einem von mir bereits vor Wochen aufgegriffenen Thema kommen, das aktuell die politische Landschaft prägt: die geplante Zentralisierung der Offshore-Gewerbesteuer in Wilhelmshaven. Vielleicht ein Impuls zu eine sachlicheren Debatte.

Von der Energietransformation sind nahezu alle Küstenkommunen spürbar betroffen. Trassen, Baustellen, Konverterstationen – das schafft Belastungen, die ernst genommen werden müssen. Aber ebenso muss anerkannt werden, dass Wilhelmshaven in dieser Energiewende nicht irgendein Standort ist. Unsere Stadt ist seit Jahrzehnten ein zentraler Knotenpunkt für Energie, Sicherheit und Logistik. Diese Rolle erfüllen wir verlässlich – häufig ohne jene finanzielle Ausstattung, die andere Oberzentren selbstverständlich mitbringen.

Und nun sagt das Land: „Wir sehen Eure Bedeutung. Wir stärken Euch langfristig.“ Das ist kein Privileg, kein Gefallen, sondern eine strategische Entscheidung. Eine Entscheidung, wie sie auch an anderer Stelle getroffen wurde, wenn Regionen über Jahre hinweg besondere Lasten und besondere Funktionen getragen haben. Jetzt ist Wilhelmshaven an der Reihe.

Entscheidend ist für mich: Mit dieser Weichenstellung wird einem strukturschwachen Oberzentrum ein dringend benötigter Zukunftsanschub gegeben. Mehr kommunale Leistungsfähigkeit bedeutet am Ende mehr Infrastruktur, bessere Rahmenbedingungen für Fachkräfte, attraktivere Ansiedlungen, stärkere Kaufkraft. Und über den Finanzausgleich profitieren davon nicht nur wir, sondern auch die anderen Küstenstandorte.

Ich sehe die geplante Entscheidung des Landes daher vor allem als Anerkennung unserer Leistung – aber auch und vor allem unserer künftigen Rolle. Wilhelmshaven wird in der Energieversorgung und Sicherheit Deutschlands weiter an Bedeutung gewinnen. Das ist politisch gewollt, fachlich begründet und muss sich konsequenterweise auch in der finanziellen Ausstattung widerspiegeln.

Wir sollten deshalb nicht darüber sprechen, wem etwas „weggenommen“ wird, sondern darüber, was wir gemeinsam gewinnen, wenn Wilhelmshaven als Oberzentrum stark, gestaltend und handlungsfähig wird. Die Reaktionen aus anderen Regionen sind menschlich verständlich. Zugleich wünsche ich mir gerade von Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern eine Abwägung, die über den ersten Impuls hinausgeht. Wenn man mit etwas Abstand und politischer Verantwortung auf die gesamte Gemengelage schaut, wird deutlich: Diese Entscheidung stärkt die Energiewende, sie stärkt die Region – und sie stärkt einen für die Sache relevanten Standort. Genau das ist es, was ein modernes, solidarisches Land ausmacht: Dort zu stärken, wo die Zukunft gestaltet wird.

Weitere Neuigkeiten:

  • 20. Juli 2025: Wenn Strategie auf Wirklichkeit trifft

  • 18. Juli 2025: Lieber Probleme angehen als Mangel verwalten.

  • 13. Juli 2025 Wilhelmshaven – was kann Politik? Was tut sie für uns?

  • 11. Juli 2025 Bildung, Teilhabe und Fachkräfte – Themen, die verbinden